Die Netzwerke des Fußballs
Viele Klubs nutzen das Internet als Spielermarkt – nicht immer ist das von Vorteil. Mancher Spieler erfüllt im Training nicht die Erwartungen, die sein Online-Video vermittelt hat.
Früher hießen die Manager von Fußball-Klubs Reiner Calmund oder Rudi Assauer. Heute tragen die Verantwortlichen Namen wie deichi-baby und dudix007. Es ist noch nicht allzu lange her, dass Allmachts-Präsidenten wie Jean Löring dem SC Fortuna Köln ihr Privatvermögen zur Verfügung gestellt haben. Als das Portemonnaie irgendwann leer war, begann der Absturz des Klubs aus der Zweiten Bundesliga bis in die Verbandsliga.
Nun soll sich die Geschichte wiederholen. Allerdings mit einer Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Fortuna Köln will zurück in den bezahlten Fußball – und zwar mit Hilfe seiner Fans und des Internets. Bei dem kürzlich in die NRW-Liga aufgestiegenen Südstadt-Verein können die Mitglieder der Online-Plattform „deinfussballclub.de“ direkten Einfluss auf das Management und den Betrieb des Traditionsklubs nehmen. Wichtige Entscheidungen werden demokratisch per Online-Abstimmung getroffen.
Gleiches Recht für alle
Jeder Teilnehmer hat dabei die gleichen Rechte und kann sich somit an der Mannschaftsaufstellung, dem Management und allen weiteren Fragen des täglichen Vereinslebens beteiligen. In Deutschland ist diese Idee bislang einmalig, in England wird es bei Ebbsfleet United FC bereits erfolgreich praktiziert.
28 000 Mitglieder bestimmen über die Entwicklung des Viertligisten. Bei Fortuna Köln hingegen steht das Projekt noch ganz am Anfang. Etwas mehr als 6500 Menschen haben sich zu dem ehemaligen Pokalfinalisten bekannt und bereit erklärt, einen Jahresbeitrag von 39,95 Euro zu bezahlen. Dieser wird jedoch erst fällig, wenn sich 30 000 Teilnehmer gefunden haben. In diesem Moment bekommt der Klub das gesamte Geld und kann damit dann einen neuen Anlauf in Richtung Profi-Fußball nehmen. Initiator dieser spektakulären Aktion ist Sönke Wortmann. Der Regisseur war 2006 für die Verfilmung des Sommermärchens verantwortlich, bei dem der 48-Jährige die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft während der Weltmeisterschaft begleitete.
Derzeit sorgt bei der Fortuna also vor allem das Internet für ein neues Sommermärchen. Der Südstadt-Klub sei wieder total in, betont Klaus Ulonska. Der Vereinsvorsitzende ist sich sicher, dass der Klub auf dem richtigen Weg ist: „Diese Aktion war ein Segen für uns. Vor wenigen Jahren noch war die Fortuna praktisch tot, jetzt wollen wir in den nächsten drei Jahren in den bezahlten Fußball zurück.“
Trotz aller Online-Aktivitäten ist das noch ein weiter Weg. Aber der ehemalige Zweitligist legt alle Hoffnungen in die Macht des Internets. Damit die Mitglieder auf der ganzen Welt die Entwicklung verfolgen können, sollen die Spiele bald live im Netz übertragen werden.
Allerdings bleiben auch noch einige Fragen offen. Darf die Community bei Trainerentlassungen mitreden? Und wie ist es bei den Neuzugängen, die oft in geheimen Aktionen verpflichtet werden, um die Konkurrenz nicht aufmerksam zu machen? Gerade in diesem Punkt wird das Internet als virtueller Spielervermittler zunehmend eine immer wichtigere Rolle spielen. Videoplattformen wie „Youtube“ bieten Fußballern schon die Möglichkeit, sich mit ihren besten Szenen für Klubs interessant zu machen.
Davor warnt jedoch der professionelle Spielervermittler Manfred Schulte aus Köln, bei dem unter anderem die Nationalspieler Robert Huth und Jan Schlaudraff unter Vertrag stehen. „Wer einen Spieler verpflichten will, sollte ihn sich mehrere Male im Stadion ansehen. Alles andere ist fahrlässig.“ Dennoch bietet auch nach Schultes Meinung das Internet mittlerweile enorme Möglichkeiten der Vorrecherche. „Heute ist alles transparenter. Es gibt nicht mehr so viele Schein-Lebensläufe wie noch vor einigen Jahren“, erklärt der erste lizenzierte Spielervermittler Deutschlands und nennt ein Beispiel: „Wenn ein Spieler zu mir kommt und behauptet, er habe bereits sieben Länderspiele für den Kongo bestritten, dann habe ich das mit drei Mausklicks überprüft. Das war früher nicht möglich.“
Allerdings verbergen sich hinter der Transparenz des Internets auch Nachteile, wie Erich Kollert von der Deutschen Sporthochschule Köln betont. „Jeder kann selbst Informationen verbreiten. Ob diese wahrheitsgemäß sind, ist kaum zu
Selbstreinigender Prozess
überprüfen“, sagt der Dozent im Fachgebiet Fußball. Eine Scheinberichterstattung sei deshalb nicht ausgeschlossen. Gleichzeitig warnt der Experte jedoch vor übertriebener Panikmache. „Ich erwarte von der Zukunft des Internets, dass ein selbstreinigender Prozess einsetzt. So, wie es heute auch schon bei »Wikipedia« der Fall ist.“ Dennoch gibt es gerade im Amateurbereich einige Beispiele, bei denen sich Trainer bei der Spielerauswahl auf die tolle Szenenauswahl bei „Youtube“ verlassen hatten. Als der Neuzugang dann beim Training erschien, war die Enttäuschung groß. Die vermeintliche Verstärkung hatte nicht mehr viele Gemeinsamkeiten mit dem Star des Internets – außer das Aussehen, denn der Youtube-Film war nur eine billige Montage. Auch so kann die Zukunft des Internets aussehen.
Quelle: Kölner Stadtanzeiger





