Meppen im Ausnahmezustand
Bürgermeister fordert nach Fußball-Krawallen: Gegen die Täter mit aller Härte vorgehen
Die emsländische Kreisstadt kommt nach den schweren Ausschreitungen im Anschluss an das Fußballspiel des SV Meppen gegen den VfB Oldenburg nicht zur Ruhe. Die Stadt und der Verein fürchten ein bundesweites Negativ-Image.
Von Mike Röser – meppen. Fußball-Derby in Meppen: Fast 10000 Zuschauer sorgen für eine tolle Stimmung und sehen ein spannendes Oberliga-Spiel mit sechs Toren. Doch es bleiben nicht die einzigen Fakten zur Partie zwischen dem SV Meppen und dem VfB Oldenburg am Freitagabend: 250 gewaltbereite und -suchende „Fans“, die sich eine Straßenschlacht mit der Polizei liefern. 67 Platzverweise. Zwei verletzte Beamte. 100000 Euro Kosten für den Einsatz der Polizei, Sachschäden in unbekannter Höhe (die GN berichteten).
Meppens Oberbürgermeister Jan Erik Bohling befürchtet nach der „Nacht der Gewalt“ einen erheblichen Imageschaden für die emsländische Kreisstadt und den Verein selbst, der einstmals das sportliche Aushängeschild der gesamten Region war. Er forderte im Interview mit der „Meppener Tagespost“, gegen die Täter „entschlossen und mit aller Härte vorzugehen“. Es gelte den harten Kern der gewaltbereiten Fußballszene zu zerschlagen, um so Mitläufern die Chance zu nehmen, „sich an solchen unsinnigen Aktionen zu beteiligen“. Bohling forderte ein gemeinsames Handeln der Stadt, der Polizei des Landkreises Emsland und des SV Meppen
Das Protokoll des Abends, jetzt rekonstruiert, macht die Dramatik der Ereignisse deutlich:
Freitag, 8. Mai, 17 Uhr. Einsatzleiter Karl-Heinz Brüggemann schaut in den Besprechungsraum der Polizei-Dienststelle Meppen. Szenekundige Beamte aus Emden und Oldenburg sind da, Zugführer der Hundertschaften. Mehr als 200 Kräfte hat die Polizei mobilisiert. Neue Entwicklungen werden besprochen. Die Tankstelle am Stadion hat drei Sicherheitsleute engagiert. In der Nacht zum Freitag wurde „Get back or die“ (Kehrt zurück oder sterbt) an einen Container nahe des Stadion-Blocks geschmiert, in dem die Oldenburger stehen werden.
17.50 Uhr. Ein Parkplatz bei Haselünne. Eine Hundertschaft steht bereit, Polizisten in Schutzkleidung kontrollieren die Insassen eines Busses aus Oldenburg, suchen nach Waffen und Feuerwerk, nehmen Personalien auf. Ein Polizist filmt. „Mach die Kamera aus“, schreit jemand. Als Antwort gibt’s eine Ansage: Wer ärgert macht, bekommt einen Platzverweis.
19.05 Uhr. Der Bus biegt auf die Lathener Straße ein, davor ein Streifenwagen, dahinter sechs Kleinbusse der Polizei. Vom Weiten dröhnen Sprechgesänge herüber: Rund 75 Meppener pöbeln, zeigen den Mittelfinger – dann fliegen Flaschen aus dem Mob in Richtung Bus, Glas splittert. Die Polizisten eilen aus den Bussen, von der Jahnstraße werden Kräfte herbeigerufen, sie drängen den Mob vom Bus ab, der schnell zum Osttor geleitet wird. Auf der Nordradde-Brücke hält ein Polizei-Riegel Meppener Problemfans zurück. Die sind jung, tragen Schwarz, dunkle Sonnenbrillen und Leder-Handschuhe. Zwei von ihnen nehmen die Polizisten aus der Menge, sie haben beleidigt, sich gegen das Zurückdrängen gewehrt.
19.45 Uhr. Auf der Lathener Straße wird es ruhig, die Polizei zieht ins Stadion ein. Auf der alten Tribüne hat Bernd Kaiser Position bezogen. Er ist Polizeieinsatzleiter Stadion, koordiniert von dort. Vier Problemfans sind im Gewahrsam, zwei Personen mit Stadionverbot wurden abgewiesen.
21.43 Uhr. Als der Schlusspfiff ertönt, sichern Polizisten den Innenraum. „Für uns beginnt die heiße Phase“, sagt Kaiser. Die Oldenburger werden im Block festgehalten, sollen später zu den Bussen geleitet werden – das VfB-Team feiert mit den Anhängern, das hilft.
22 Uhr. Kaiser verlässt die Box auf der alten Tribüne, als es einen ersten Knall gibt. Er hält den Finger auf den Ohrstöpsel: 250 Meppener haben sich an der Kreuzung Jahnstraße/Lathener Straße zusammengerottet, versuchen in Richtung Ostkurve zu kommen; am Herrenmühlenweg werden Polizisten mit Bierdosen beworfen.
22.10 Uhr. Rote Leuchtfeuer erhellen die Dunkelheit an der Jahnstraße, immer wieder knallt es – Feuerwerkskörper. Ein Polizei-Riegel hält den Mob davon ab, in Richtung Ostkurve zu kommen. Immer mehr Sprengkörper werden gezündet, immer öfter steigen Signalraketen auf – dann plötzlich rennt die Masse Richtung Lathener Straße, die Hundertschaft treibt sie vor sich her. Eine Schwangere eilt mit ihren Kindern vorbei. „Nie wieder machen wir das“, sagt sie.
22.20 Uhr. Die Polizei hat den Mob in Richtung Tankstelle abgedrängt. Signalmunition wird in Richtung der Einsatzkräfte geschossen. Erst in die Luft, dann immer gezielter. Auch im Baum neben Kaiser landet eine Rakete.
22.26 Uhr. Der Mob hat die Tankstelle besetzt. Personal und Sicherheitsleute stehen im Verkaufsladen, sind machtlos. Der Polizei-Riegel rückt näher, immer wieder fliegt Leuchtmunition durch die Luft. Dann erstrahlt die Tankstelle im roten Licht: ein Leuchtfeuer, wenige Meter von den Zapfsäulen entfernt. Die Hundertschaft greift ein, vertreibt die Randalierer von dem Gelände.
22.36 Uhr. Kaiser trifft Brüggemann, der außerhalb des Stadions das Kommando hat, vor der geräumten Tankstelle, an der die Sicherheitsleute Glas wegfegen. Das Licht im Verkaufsraum wird gelöscht. „Wenn das mit den Feuerwerk an der Tankstelle schief geht, hast du 5000 Quadratmeter mehr Parkplatz“, sagt Brüggemann. Über Funk berichten Zugführer davon, dass der Meppener Mob Verkehrsschilder herausreißt und nach den Beamten wirft. Aus Richtung der B70 sind nun auch Oldenburger auf dem Weg – zwischen 75 und 100, mit Steinen bewaffnet. Doch auch vor dem Stadion ist ein Riegel der Polizei. Zusätzlich sperrt eine Hundestaffel auf Höhe der Jahnstraße ab.
22.55 Uhr. Die Oldenburger sind auf dem Heimweg, die Meppener wurden abgedrängt. Ruhe kehrt zurück rund ums Stadion. Doch über Funk kommen neue Nachrichten: An der Hasemündung haben sich rund 60 Meppener am Püntkers Patt zusammengerottet, auch ein paar Oldenburger, die per Pkw anreisten, sind noch unterwegs.
23.20 Uhr. Kaiser ist zurück auf der Wache. Kripobeamte vernehmen „Altbekannte“. Personalien werden festgehalten, sie sind jung, betrunken. An der Kirchstraße in der Innenstadt überwachen Polizeikräfte eine Kneipe. Später müssen sie noch eingreifen, weil 60 vermummte Randalier mit Flaschen nach ihnen werfen. Bis 2 Uhr nachts wird der Einsatz dauern.
Quelle: Grafschafter Nachrichten





