Ehrgeiz in Person“ im Victoria-Tor
Neuenhauserin Vera Oude-Wesselink geht beim Zweitligisten in zehnte Saison
„Ich freue mich über jede Minute, die ich auf dem Fußballplatz stehe“, sagt Vera Oude Wesselink, die für den Fußball lebt. Die 26-jährige Neuenhauserin hütet das Tor von Victoria Gersten in der 2. Bundesliga Nord.
Von Lars Klukkert – Neuenhaus/Gersten. In den vergangenen Wochen bestimmte die Frauen-Nationalmannschaft die Schlagzeilen. Mit einem famosen 6:2-Endspielsieg gegen England sicherten sich die DFB-Frauen in Finnland den Europameistertitel – und sorgten dafür, dass der Frauenfußball immer größere Akzeptanz erfährt. Eine ganz starke Fußballspielerin gibt es auch in der Grafschaft: Vera Oude Wesselink hütet seit neun Jahren das Tor von Victoria Gersten in der 2. Bundesliga Nord.
Am Fernseher verfolgte natürlich auch sie die Auftritte des DFB-Teams. Die 26-Jährige aus Neuenhaus spielte bereits selbst zum Beispiel mit Linda Bresonik in der U18-Auswahl des DFB zusammen. „Das war eine schöne Zeit“, erinnert sich die Torhüterin. Für die A-Nationalmannschaft hat es aber nicht gereicht, denn Oude Wesselink plagte sich immer wieder mit schweren Verletzungen herum. Nacheinander rissen ihr die Kreuzbänder – erst im rechten Knie, dann im linken. Doch kam sie dank ihres unbändigen Willens immer wieder auf die Beine.
Aber der Reihe nach: Angefangen hat Vera Oude Wesselink ihre Fußball-Laufbahn im Alter von sechs Jahren bei Borussia Neuenhaus – natürlich im Tor. „Ich stand von Anfang an zwischen den Pfosten“, erinnert sie sich. Und das mit Bravour: Von Jahr zu Jahr steigerte sich die junge Torhüterin zu einem Klasse-Rückhalt und immer wieder suchte sie sich neue, höherklassige Herausforderungen. Erst spielte sie zwei Spielzeiten beim VfL Weiße Elf groß auf, dann stand die ehrgeizige Torhüterin bei der FSG Twist in der Bezirksoberliga zwischen den Pfosten (1998 bis 2000). Den großen Sprung machte die gelernte Physiotherapeutin im Jahr 2000, als Roland Polke, der damalige Trainer des Bundesligisten Victoria Gersten, bei einer Niedersachsenauswahl-Maßnahme das junge Talent sichtete und ins südliche Emsland lotste. In dieser Zeit schaffte sie sogar den Sprung in die deutsche U18-Auswahl, die von der heutigen Bundestrainerin Silvia Neid gecoacht wurde.
Doch so rasant der Aufstieg der Grafschafterin verlief, so musste sie sich auch mit der Kehrseite der Fußball-Laufbahn auseinander setzen. Im Jahr 2004 riss ihr zum ersten Mal das Kreuzband. Nach der Operation traten Komplikationen auf, sodass es zwei Jahre dauerte, ehe sie wieder auf dem Fußballplatz stand. „Das war eine harte Zeit“, erinnert sich die 26-Jährige. Und als im September 2007 ihr zum zweiten Mal das Kreuzband riss – diesmal im anderen Knie – sagte man ihr bereits das Karriereende voraus. Doch sie kämpfte – und zwar so lange, bis sie wieder zwischen den Pfosten stand. „Viele hatten mich bereits abgeschrieben. Doch das motivierte mich immer noch mehr. Heute freue ich mich über jede Minute, die ich auf dem Fußballplatz stehe“, gibt die 26-Jährige ihre Gefühlswelt preis. „Sie ist unheimlich ehrgeizig“, sagt Maria Reisinger, ihre Trainerin bei Victoria Gersten.
In Gersten sind sie froh, dass die Neuenhauserin das Tor von Victoria hütet. „Vera ist bei uns gar nicht mehr wegzudenken“, sagt Reisinger und beschreibt die Stärken ihrer unangefochtenen Nummer eins: „Starke Reflexe auf der Linie, fast unschlagbar in Eins-gegen-Eins-Situationen und eine tolle Spieleröffnung.“ Und Schwächen? „Die sind so minimal, dass ich sie nicht verrate“, lächelt Reisinger.
Die Torhüterin selbst gibt zu, Probleme beim „Herauslaufen“ zu haben. „Doch daran kann man ja arbeiten“, verdeutlicht Oude Wesselink. Und das tut sie auch: Eine Extraschicht jagt die andere. Sogar sonnabends ist sie, wenn es die Zeit neben ihrem Job als Physiotherapeutin zulässt, auf dem Gelände ihres Ex-Clubs vom VfL Weiße Elf zu finden. Mit dem VfL-Urgestein Hansi Dues trainiert sie seit mehr als zehn Jahren. „Vera ist eine ausgezeichnete Torhüterin, mit der es unheimlich viel Spaß macht, weil sie sehr gewissenhaft arbeitet“, sagt Dues.
Gute Leistungen wecken Begehrlichkeiten. So auch bei der Grafschafterin, die von ihrer Mutter, die selbst Betreuerin in Gersten ist, sehr unterstützt wird: Ende Juni, kurz vor Ende der Wechselfrist, meldete sich der Ligakonkurrent und Titelkandidat Borussia Friedenstal, um die Torhüterin nach Herford zu transferieren. „Es war ein tolles Angebot. Doch ich wollte nichts überstürzen und fühle mich in Gersten pudelwohl“, sagt Oude Wesselink.
Mit Victoria Gersten möchte sie in der am Sonntag bei Wattenscheid 09 beginnenden Zweitliga-Saison nichts mit dem Abstieg zu tun haben. „Das Ziel ist ein gesicherter Mittelfeldplatz“, sagt die Torhüterin. Die erste Standortbestimmung ging am vergangenen Sonntag in der 1. DFB-Pokalrunde aber daneben: Beim Zweitligaabsteiger Mellendorfer TV verlor Victoria mit 1:2. „Wir haben etwas gutzumachen“, packt die Neuenhauserin wieder der Ehrgeiz.
Quelle: Grafschafter Nachrichten





