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… notiert im Fußballblock für Niedersachsen

Francis Banecki – das Leben nach dem SV Meppen

 Eine Knieverletzung zerstörte seinen Traum vom Fußball-Profi / In Rehden glücklich

„Ich habe meinen Frieden gefunden“

Es war nur eine Minute – doch diese 60 Sekunden holen Francis Banecki immer wieder ein. Am 20. Oktober 2004 betrat der Mittelfeldmann das erste und letzte Mal die große europäische Fußball-Bühne. Im Champions-League-Spiel beim RSC Anderlecht wechselte Werder Bremens Trainer Thomas Schaaf kurz vor Schluss den damals völlig unbekannten jungen Mann ein, weil sich Pekka Lagerblom verletzt hatte.

Banecki half, den knappen 2:1-Sieg mit über die Zeit zu retten. „Auch heute werde ich noch drauf angesprochen, obwohl ich nicht einen einzigen Ballkontakt hatte“, schmunzelt Banecki. Drei Tage später stand der damals 19-Jährige im Bundesliga-Heimspiel gegen Nürnberg sogar in der Startelf und nahm als defensiver Mittelfeldspieler deren Star Marek Mintal komplett aus dem Spiel. Die Lobeshymnen waren riesig, Banecki wurde eine große Karriere prophezeit. Doch es folgte der plötzliche Absturz, geschuldet einer schweren Knieverletzung und ein wenig auch dem etwas schlamperten Umgang mit seinem Talent. Nach vielen Stationen und der letztendlich vergeblichen Hoffnung, doch noch wieder Profi zu werden, spielt der heute 26-Jährige nun beim Oberligisten BSV Rehden, lebt in Diepholz, wo er jetzt auch eine Ausbildung zum Automobilkaufmann begonnen hat. Und nach Jahren der Frustration, der Zweifel und der inneren Unruhe „habe ich jetzt endlich meinen Frieden gefunden“, verrät Banecki im Interview.

Was bedeutet Ihnen Ihr Kurzeinsatz in der Champions League heute?

Banecki: Es ist schön, so etwas in der Vita zu haben, auch wenn es nicht so richtig zählt. Es war ja nur eine Minute. Aber ich erzähle gerne davon. Damals war es für mich natürlich das absolute Highlight. Ich war wie elektrisiert.

Was haben Sie damals empfunden?

Banecki: Das kann ich gar nicht mal sagen, denn ich war so nervös, so aufgeregt, dass ich fast alles ausgeblendet und vergessen habe. Ich kann mich deswegen heute nicht mal an Spielsituationen erinnern.

Haben Sie die Trikots, die Sie gegen Anderlecht und Nürnberg getragen haben, aufgehoben?

Banecki: Ja, doch die liegen irgendwo bei meinen Eltern. Ich schaue nicht mehr zurück. Es war eine schöne Zeit, doch ich habe damit abgeschlossen.

Weil der Schmerz, den Traumberuf Profi wegen einer Verletzung aufgeben zu müssen, zu tief sitzt?

Banecki: Es hat mich lange beschäftigt, das ist richtig. Ich habe es zuerst gar nicht so wahrgenommen, weil ich es auch nicht wahr haben wollte. Ich habe mir immer gesagt: Du kannst es doch, du kannst es noch mal schaffen. Doch das Knie schmerzte immer wieder – und ich musste mir eingestehen, dass es keinen Sinn mehr macht und ich meinen großen Traum begraben muss.

Den Riss der Patellasehne haben Sie sich Anfang 2007 zugezogen, als Sie von Werder an Zweitligist Eintracht Braunschweig ausgeliehen waren. Haben Sie damals schon geahnt, dass Ihre Karriere beendet sein könnte?

Banecki: Nein, denn ich habe gekämpft und wollte immer wieder zurückkommen. Ich hatte es befürchtet, wollte es aber nicht wahrhaben.

Wann mussten Sie sich die bittere Wahrheit dann eingestehen?

Banecki: Nachdem mein Vertrag bei Werder im Sommer 2008 ausgelaufen war. Ich hatte zuvor ein ganzes Jahr lang wegen der Verletzung kein einziges Spiel gemacht. Fortuna Düsseldorf war trotzdem interessiert – doch ich bin dort durch den Medizincheck gerasselt. Da wusste ich: Es ist vorbei.

Wie lange haben Sie gebraucht, diesen Schlag zu verarbeiten?

Banecki: Es hat gut ein Jahr gedauert, um das zu kapieren. Ich wollte mich nicht mit der Realität abfinden. Ich habe die ganze Zeit gehofft, spekuliert. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Es gab Tage, an denen wäre ich am liebsten aus dem Fenster gesprungen. Doch dann habe ich in die Augen meines kleinen Sohnes Gabriel geschaut und mir gesagt: Es geht irgendwie weiter, es muss weitergehen.

Wer hat Sie in der Zeit unterstützt?

Banecki: Meine Lebensgefährtin Helia hat mir unheimlich geholfen. Ich kenne sie seit der Jugend. Sie hat also alles mitgemacht: meinen Aufstieg und meinen Absturz. Sie war immer für mich da. Ich bin ihr sehr dankbar.

Hatten Sie zwischendurch die Befürchtung, an Ihrer Situation zerbrechen zu können?

Banecki: Der Frust war wirklich so tief, dass ich Angst hatte, sogar Depressionen zu bekommen. Doch ich habe dagegen angekämpft, um innerlich frei zu sein. Und heute habe ich meinen Frieden gefunden.

Haben Sie wirklich mit der Vergangenheit abgeschlossen?

Banecki: Natürlich kommen diese Gefühle immer mal wieder hoch. Wenn ich beispielsweise sehe, dass der Gomez jetzt zwei Tore gegen Manchester City macht, würde ich auch am liebsten dort auf dem Platz stehen. Doch dann schaue ich wieder meinen Sohn an – und alles ist gut.

Sie wären fast einmal selbst bei „ManCity“ gelandet.

Banecki: Ja, das ist richtig. Ich hatte mit 17 Jahren eine Woche lang bei Werder vorgespielt, dann kam die Anfrage von Manchester City. Ich habe dort ein Probetraining absolviert, und sie wollten mich auch für zunächst ein Jahr verpflichten. Ich hatte den Vertrag schon unterschrieben, doch Werders Nachwuchsmanager Wolf Werner und U 19-Coach Dieter Eilts haben mich doch noch überredet, meinen Vertrag in Manchester wieder aufzulösen und zu Werder zu kommen.

Haben Sie diese Entscheidung je bereut?

Banecki: Klar fragt man sich später, wie es wohl gewesen wäre, bei „ManCity“ zu spielen. Aber ich habe den Schritt zu Werder nie bereut. Denn eigentlich lief es dort ja gut für mich.

Welche Beziehung haben Sie noch zu Werder?

Banecki: Die Freundschaft zu Aaron Hunt ist geblieben. Ansonsten habe ich kaum noch Kontakt. Werder genießt bei mir von allen Bundesligavereinen aber noch immer die meisten Sympathien. Ich hatte dort eine wunderschöne Zeit, und bin dankbar, dass ich sie erleben durfte.

Warum haben Sie bei Werder den Durchbruch nicht geschafft?

Banecki: Das ist – ehrlich gesagt – schwer zu erklären. Ich bin als 19-Jähriger in eine Mannschaft gekommen, die amtierender deutscher Meister war. Das war ein Superteam. Mir hat sicherlich auch ein wenig die Konstanz gefehlt. Dann kam die Verletzung dazu. Unterm Strich ist aber auch klar: Ich hätte aus meinem Talent mehr machen müssen.

Nun haben Sie sich entschlossen, einen neuen Weg einzuschlagen und eine Ausbildung zu beginnen. Mit 26 Jahren ziemlich spät.

Banecki: Ich habe eingesehen, dass Fußball nicht alles ist im Leben. Ich war unruhig, bin von Verein zu Verein gewandert. Als ich zwischenzeitlich bei Kickers Emden war, hatte ich einen 165-Euro-Job und habe von Arbeitslosengeld gelebt, gerade einmal genug, um meine Familie zu ernähren. Also bin ich zum FC Oberneuland gegangen, dann zum SV Meppen, weil ich insgeheim immer noch gehofft hatte, über diese Stationen vielleicht doch noch einmal den Sprung nach oben zu schaffen. Doch dann ist mir klar geworden, dass ich einen Beruf und erstmal dafür natürlich eine Ausbildung brauche. In Meppen war das nicht möglich, und zu Rehdens Vereinschef Friedrich Schilling hatte ich schon vorher Kontakt gehabt. Er hat mir die Ausbildung zum Automobilkaufmann in der Firma Asbree vermittelt. Es hat alles gepasst. Und so bin ich beim BSV Rehden gelandet, und ich fühle mich sehr wohl.

Bisher haben Sie allein vom Fußballspielen gelebt. Wie schwer ist Ihnen die Umstellung gefallen, ein „normales“ Leben zu führen?

Banecki: Das war am Anfang wirklich ein bisschen ungewohnt. Regelmäßig das frühe Aufstehen, Berufsschule, Arbeit – dann abends zum Training. Da ist der Tag ausgefüllt. Früher hatten wir einmal täglich Training, und das war’s. Ich frage mich heute, was wir eigentlich mit der vielen Freizeit gemacht haben. Ich kann’s gar nicht sagen.

Ist Ihr Leben jetzt ausgefüllter und vielleicht auch erfüllter?

Banecki: So, wie es jetzt ist, macht es mir großen Spaß. Und ich kann es mir anders gar nicht mehr vorstellen. Als Profi wirst du in Watte gepackt, alles wird für dich erledigt. Du beginnst, in einer Traumwelt zu leben. Zum Glück bin ich rechtzeitig aufgewacht.

Was aber nicht heißen soll, Sie hätten das Profileben nicht genossen.

Banecki: Natürlich habe ich es genossen, doch ich habe erfahren, dass dieser Traum ganz schnell zu Ende sein kann. Und daher sollte jeder Verein seine Spieler zwingen, wenigstens eine Ausbildung zu machen.

Was nehmen Sie mit aus den letzten Jahren?

Banecki: So bitter meine Karriere auch für mich gelaufen ist – die Lebenserfahrung, die ich gesammelt habe, ist unbezahlbar. Früher wäre ich durchgedreht, wenn man mich mal nicht aufgestellt hätte. Heute bin ich froh, überhaupt wieder spielen zu können. Ich sehe die Welt jetzt mit anderen Augen.

Quelle: kreiszeitung.de  von Sportredakteur Arne Flügge

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